Dreiundneunzig's Hattrick!

Foto: Birgit Eiblmaier
Foto: Birgit Eiblmaier

In dieser Ausgabe gibt es tatsächlich überdurchschnittlich viele Themen zu bearbeiten. Die allerschlechteste Nachricht zuerst: Der vermutlich beliebteste Interviewpartner der Liga gibt sein obligatorisches Interview. Keine zwanzig Minuten später gibt die BILD-Zeitung bekannt, dass das Nürnberger Eishockey (nach Yasin Ehliz und Steven Reinprecht) demnächst ein weiteres Gesicht verliert. Die Dreiundneunzig soll einen Dreijahresvertrag bei den Eisbären Berlin unterschrieben haben. Dabei ging es beim Berliner Angebot nicht um das finanziell lukrativste Gehalt. Dieser Leonhard geht dennoch. Und ausgerechnet an diesem Abend bringt er sich gleich doppelt in den Spielberichtsbogen. Ausgerechnet an diesem Sonntagabend, an dem die in der Sportbranche wohl bestens informierte Zeitung die Nürnberger Schock-Nachricht in die Welt hinausträgt. Man könnte meinen, dass der potentiell beste Nürnberger Stürmer nun wieder in Form kommen kann, bevor er seine momentane Heimat verlässt. Es ist nicht verwunderlich, dass diverse Kommentarspalten dahinschmolzen, als sich die Nachricht verbreitete. Dennoch aber berechtigt dieser vermeintliche Wechsel nicht dazu, den „Bassd‘ scho!“ Leo zu verurteilen oder gar mit den Worten „Söldner“ oder „Geldgeier“ zu beleidigen. Das ist die dreiundneunzig mit absoluter Sicherheit nicht. Auch am Wahrheitsgehalt der BILD-Information muss nicht gezweifelt werden. In diesem Bereich ist die BILD ein (in dem Fall „leider“) sehr zuverlässiger Informant. Ob die Nürnberger „Titelzeit“ hiermit endgültig archiviert wird, zeigt die Zeit.

Doch wie der Trommelhase Oliver Igelhaut bereits in einer seiner Instagram-Storys richtig analysierte:

„Schee is ned, aber muss halt“. 

Das Eisstadion am Pulverturm war, wie gewohnt, eisig kalt. Glücklicherweise gibt es im Pressebereich die nette Helga. Helga kümmert sich schon seit meinem ersten Straubing-Besuch um mit voller Liebe zubereitete Häppchen, von denen man gar nicht genug bekommen kann. Kollegin Kleinekoenen und ich verzehrten vermutlich 75% des Vorrats. Der Hunger war zweifellos gestillt, das Spiel konnte beginnen. Der Beginn war nicht überraschend. Straubing bewegte sich deutlich schneller, kam zu deutlich besseren Möglichkeiten und lag in der siebten Spielminute auch verdient mit 1:0 in Führung. Das Gegentor war das Ergebnis von Chad Bassens Fehler in der neutralen Zone. Dadurch kamen die Straubinger Sturmreihen viel zu leicht in die offensive Zone. Das Tor kassierte Nürnberg mit Ansage. Diesmal aber gab sich Nürnberg nicht auf. Eugen Alanov vergab die wohl beste Chance des Spiels zum 1:1, zeigte dabei aber, dass man auch mit dem (in dem Moment) Zwölftplatzierten rechnen muss. Es wäre keineswegs unverdient gewesen, wenn das Team von Martin Jiranek ausgeglichen hätte. Der Gästeblock aber jubelte, zumindest im ersten Drittel, nicht mehr. Apropos Gästeblock: Noch nie habe ich einen so schlecht besuchten Gästeblock beim Derby in Straubing gesehen. Mit Sicherheit die Folge der „Nürnberger Krise“. Wenn die Fans allerdings vorher gewusst hätten, dass sich vor allem der Mittelabschnitt lohnt, wäre der Gästeblock vermutlich voll gewesen. 

Im Mittelabschnitt dann also das obligatorische 2:0. Das musste sein. Immerhin war der Spielverlauf gegen den amtierenden Meister und die Edmonton-Overtime-Haie nicht anders gewesen. Das änderte sich auch eine Minute später nicht. Jason Bast stocherte im Torraum nach und brachte den Puck mit ein bisschen Glück in das gegnerische Tor. Abgesehen davon, dass erneut die 3-B-Reihe zuschlug, war es exakt wie bei den zwei vorhergegangen Spielen ein hart erarbeitetes Glückstor. Nürnberg wurde schlagartig besser. Auch das kannte man bereits von dieser Woche. Straubing hätte dann das Drehbuch weiterspielen können. Die Hausherren bekamen immerhin zwei großartige Gelegenheiten, das verpflichtende 3:1 zu machen. Das Drehbuch aber blieb aus. Erst glich Brandon Buck aus, dann machte sich die heute schon mehrfach angesprochene dreiundneunzig auf in den Alleingang. Fakt ist: Beeindruckend war weder das 2:3, noch der Jubel von Leo Pföderl. Aber Nürnberg führte. Das war beeindruckend. Straubing beantragte Timeout, Nürnberg nutzte die nachfolgende Zeit aus. Eins, zwei oder drei – letzte Chance, vorbei: Es war wieder die 3-B-Reihe. Es war wieder stark gespielt. Und es war wieder Jason Bast.

Foto: Birgit Eiblmaier
Foto: Birgit Eiblmaier

Das 3:4-Anschlusstor ist nebensächlich. Allgemein machte Straubing den Eindruck, als hätte man nach dem Mittelabschnitt bereits aufgegeben. Nürnberg war eindeutig besser im Spiel, dominierte und kontrollierte den Schlussabschnitt. Die zwei Unterzahlspiele makellos. Sogar ein Unterzahltor sprang dabei heraus. An dieser Stelle muss beigefügt werden: Die IceTigers erzielten in dieser Saison bereits drei SH-Goals. Es gibt also doch eine Disziplin, in der man bislang nicht vollständig versagt.  Auch die Rückkehr von Philippe Dupuis machte sich bemerkbar: Vier Minuten nach seinem SH-Goal bekam er eine sehr gute Vorlage von Milan Jurcina, die er zum entscheidenden 3:6 verwertete. Wenn Brandon Segal und Dane Fox zeitnah zurückkehren, könnte das Offensivspiel der IceTigers langfristig gesehen attraktiv werden. Mit der 3-B-Reihe und den Rückkehrern stünden zwei Reihen aktiv am Eis, die zuverlässig Tore schießen. Das 3:7 von Leo Pföderl bestätigte zum wiederholten Mal: Die dreiundneunzig ist wieder da.

Oder um Roman Horlamus zu zitieren:

„Da ist die Büchse des Pföderls geöffnet“.

Zumindest bis zum Ende dieser Saison. 

Der Sonntagabend neigt sich dem Ende zu. Fotografin Birgit Eiblmaier, der die heutigen Blog-Fotos zu verdanken sind und Kollegin Corinna Kleinekonen sitzen neben und hinter mir im Auto und reden über übermorgen. Ja, übermorgen spielen diese IceTigers schon wieder. 1000 Kilometer weit weg, im französischen Rouen. Die rasende Fotografin und ich werden natürlich vor Ort sein. Mit dabei die drei auffälligsten Spieler des Spiels:

 

  • Patrick Reimer bewegte sich ungewohnt schnell. Reimer nahm zahlreiche Vorlagen an, zog mehrmals ab und versuchte seine Schüsse zum Tor zu bringen. Das gelang stellenweise besonders gut. Mindestens zweimal hätte dabei ein Tor entstehen können. Der Nürnberger Kapitän grinste nahezu ausnahmslos. Dabei machte es keinen Unterschied, ob er spielte oder seinen Teamkollegen dabei zusah. Im Vergleich zu seinem Helm-Wurf-Attentat in den Katakomben des ISS Dome ein vollkommen anderes Auftreten. Möglicherweise „krabbelt“ Patrick Reimer aus seiner langen Negativ-Phase heraus und beschert uns zeitnah mit zählbaren Werten. Das wäre wünschenswert. Für die IceTigers und für Patrick Reimer.
  • 2:34 Minuten verbrachte Eric Stephan im ersten Drittel pausenlos mit einem einzigen Wechsel. Stephan vom Puck zu trennen ist mittlerweile keine leichte Angelegenheit mehr. Stephan verliert aber noch einige Zweikämpfe. Seine Teamkollegen müssen einspringen. Doch nicht selten holt er sich ein Lob von Niklas Treutle oder Tim Bender ab. Auch offensiv sind gute Ansätze zu sehen. Es wird interessant, sobald alle verletzten Verteidiger wieder zurückkehren. In den Verteidigungsreihen gibt es momentan andere Kandidaten, denen eine Auszeit nicht schaden würde. So zum Beispiel könnte man Milan Jurcina aussetzen lassen. Doch bis dahin verstreichen noch einige Minuten Eiszeit.
  • Er wird in dieser Sparte langsam zum Dauerbrenner: Marcus Weber verdient sich diesen „Drei Auffälligkeiten“-Dauerkartenplatz allerdings zweifellos. Auch in Straubing zeigte er durchgehend gute Leistungen. Diesmal belohnte er seine Mühe sogar im Hinblick auf die Plus/Minus-Statistik. Aber genauso wie Marcus Weber müssten hier Chris Brown, Jason Bast und Brandon Buck stehen. Oder Mike Flanagan, der unermüdlich Strategieanweisungen gibt und nach dem Abgang des Trainer-Irrtums aufblüht. Die dritte Auffälligkeit geht somit an Marcus Weber, die 3-B-Reihe und Mike Flanagan. 

In weniger als 36 Stunden geht es ins französische Rouen. Gelingt den IceTigers ein Sieg, stehen zwei weitere CHL-Spiele an. Gelingt das nicht, gibt es immer noch die Chance, vor heimischen Publikum ins Achtelfinale einzuziehen. Unabhängig davon, ob die IceTigers nun übermorgen weiterkommen oder nicht: Eine neue Blog-Ausgabe wird es definitiv geben. Davor aber noch ein untypisches Schlusswort: 

 

 

Wir neigen dazu schnell zu vergessen, dass Eishockey nebensächlich ist. Das Leben besteht nicht nur aus dem Eishockeysport, der uns alle verbindet. So vergessen wir im ganzen Alltagsstress und den ganzen negativen und bösen Gedanken in unserer Gesellschaft, dass wir ganz schnell vor dem Abgrund stehen können. So kämpfen großartige Menschen, die man wenige Stunden zuvor noch gesehen hat, plötzlich um ihr wertvolles Leben. An dieser Stelle das aller-allerwichtigste: Gute Besserung Hunter! Ich denke, ich spreche für die gesamte Ice-Tigers Community, wenn ich sage: Wir denken an dich.

 

Und bis dahin: Es ist nur Eishockey. 

Alles über die 3-Spiele-Woche gibt es auch im Tagesprogramm von RADIO AFKMAX. Für alle Spotify-Anhänger und nicht-Radiofans gibt es hier alle Interviews in voller Länge zum Nachhören: 

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Kommentare: 1
  • #1

    Tobi (Montag, 08 Oktober 2018 08:46)

    Mein erstes Auswärtsspiel. Schade das der Block so leer war. Es war auf jeden Fall im Vergleich zu den letzen beiden Spielen ein sehr sehenswertes Spiel, bei dem das Team deutlich harmonischer spielte und auch endlich mal wieder ihre Chancen verwerten konnte... ich hoffe das hält an und war nicht nur ein Momentum. Wenn wir so weiter "kriechen", wird's diese Saison vlt. noch was mit dem 1. Tabellendrittel. Und zu Leo: Es ist sehrt schade, dass er das Team verlassen wird, besonders nach den Abgängen in dieser Saison, aber er wird seine Gründe dafür haben. Ich wünsche ihm, dass er diese Saison noch fleißig Tore schießt und danach viel Erfolg in Berlin. Vlt. trägt er ja irgendwann wieder das Ice Tigers Trikot (vlt. gemeinsam mit Ehliz, wenn der iwann genug von den Amis hat :-) )