"Und dann verkacken wir wieder!"

Patrick Reimer, Kapitän der THOMAS SABO Ice Tigers, im bayerischen Derby gegen die Augsburger Panther, 5:2-Niederlage
Patrick Reimer sieht im Schlussdrittel der Wahrheit ins Gesicht (Foto: Birgit Eiblmaier)

Max Kislinger tupfte sich noch mehrfach die leicht blutende Nase ab, während seine Teamkollegen kopfschüttelnd in die Kabine gingen. Manche schauten auf den Boden, andere ärgerten sich mit leerem Blick über die "erneute Niederlage". Brandon Segal stand, wie nach allen Niederlagen und seltenen Siegen an der Tür und wartete, bis alle seine Mitspieler das Eis verlassen haben. Viele aufmunternde Worte fielen Segal diesmal nicht ein. Auch er drehte sich erschöpft um und ging mit schweren Schritten in den Kabinengang, während dieser Patrick Reimer noch ein Wort mit den Schiedsrichtern wechselte. Dieser Patrick Reimer, der vermutlich sehr gerne das gesamte Curt-Frenzel Stadion mit einem Satz abgerissen hätte. Ja, Patrick Reimer war wütend. Und ja, es kostete ein wenig Überwindung, sich dem Kapitän in den Weg zu stellen und nach einer Erklärung für dieses bizarre, aber doch stets passende bayerische Derby zu fragen. Reimer habe keine Ahnung, was nach den ersten fünf Minuten passiert sei. Sie haben es ganz einfach mal wieder auf voller Linie "verkackt". Der Mann, der keine #!?x! sein mag, suchte die Schuld bei "nur drei funktionalen Reihen" im dritten Drittel und der starken Erschöpfung. Beides drückt im Endeffekt genau dasselbe Ergebnis aus: Null Punkte, Trauer, Wut und pure Ratlosigkeit. 

Dabei sah es doch so gut aus, als Chris Brown und Leo Pföderl über zwei schnelle Tore jubelten. Das erste Drittel gehörte zweifellos den IceTigers. Wenn Brandon Segal seinen Pass auf Eugen Alanov besser gespielt hätte, wäre Nürnberg höchstwahrscheinlich sogar mit einer verdienten 0:3 Führung in die erste Drittelpause gegangen. Dass der Puck Max Kislinger sehr unangenehm im Gesicht traf, ist die wohl einzige negative Szene aus dem ersten Drittel. Augsburg wiederum zeigte die Spielweise, die man bislang von Nürnberg kannte. Doch das änderte sich im Mittelabschnitt schlagartig. Steffen Tölzer unterschrieb das mit seinem 2:2 Ausgleichstreffer. Danach ging aus Nürnberger Sicht gar nichts mehr. Pässe kamen nicht an, Zweikämpfe gingen verloren. Symbolisch dafür stand vor allem auch Shawn Lalonde, dessen Leistung noch in den drei Auffälligkeiten ihren Platz findet. Weniger überraschend war die Performance von Will Acton, der die wohl beste Chance zum 2:3 Führungstreffer vergab. Aus welchem Grund Acton noch immer keinen Weg zu seinem eigentlichen Können findet, weiß er vermutlich auch nicht wirklich. Bis auf zwei sehr gute Partien in der Champions Hockey League gibt Acton bislang wenig Anlass zur Freude. Dane Fox übrigens fehlte - seine Rolle als böser Provokateur aber übernahm Daniel Weiß ziemlich perfekt, der gewollt fies in Olivier Roys Ausrüstung stocherte und dabei sogar ein Power Play herausholte. Prügeln durfte er sich nicht, die Strafbanktür blieb diesmal (glücklicherweise) geschlossen. Wie es hier zu einer Überzahlsituation der Gäste kommen konnte, sollte man an dieser Stelle die Schiedsrichter fragen, die sich an diesem Freitagabend keine Freunde im Curt-Frenzel Stadion machten. So oder so brachte das Power Play nichts, da das Spielsystem bereits von zwei Gegentoren zertrümmert in den Katakomben des CFS lag. Apropos: Gegentore! 

Acton vergibt, Augsburg trifft und jubelt! (Foto: Birgit Eiblmaier)
Acton vergibt, Augsburg trifft und jubelt! (Foto: Birgit Eiblmaier)

Ein Gegentor schafft es, das gesamte Spielsystem zu zerlegen. Ein Gegentor reicht, um scheinbar den Gameplan vergessen zu lassen. Das zeigten die zwei schnellen Augsburger Tore im Mittelabschnitt oder aber auch das sehr unverdiente 0:1 der Schwenninger Wild Wings im vergangenen Heimspiel. Es scheint so, als würde die gesamte Mannschaft komplett den Faden verlieren und nur sehr schleppend wieder zurück ins Spiel zu finden. Leider bleibt die Suche nach dem lang ersehnten Schalter aus. Diesen Schalter suchen konnte vor einem Jahr noch Rob Wilson, der es auch tatsächlich schaffte, sein Team nach spätestens fünf Minuten wieder zurück in die Spur zu bringen. Ja, Rob Wilson. Da wären wir ja bei der momentan heißesten Frage: Was sollen sie machen, mit diesem Martin Jiranek? 

 

Es wird in dieser Saison vermutlich keinen neuen Trainer geben. Martin Jiranek wird diese Spielzeit in seiner Doppelfunktion beenden. Nicht umsonst betonte er bereits vor einer Woche mehrfach, dass man einen neuen Trainer auch erst bezahlen müsse. Nicht zu vergessen ist, dass auch die Fehlentscheidung Kevin Gaudet noch immer auf der Gehaltsliste steht. Das ist natürlich alles andere als ein perfekter Umstand für einen Sportdirektor. Während seine Ligenkollegen etliche Spiele besuchen und nach neuen Talenten Ausschau halten, muss Jiranek Rettungspläne schmieden und seine sieben-Tage-Woche unendlich in die Länge ziehen. Die anstehende Saison lässt noch viele Fragen offen. Ob Jiraneks Doppelfunktion Auswirkungen auf die Kaderplanung hat, wage ich nicht einzuschätzen. Fakt ist aber, dass er durch sein Trainertum deutlich weniger Zeit für seine eigentlichen Aufgaben hat. Die Rufe nach Jiraneks Freistellung werden lauter, beeindruckt zeigt sich dadurch niemand der Verantwortlichen. Vielleicht ist es auch gut so, der Nürnberger Eishockey-Legende Zeit und Vertrauen zu schenken. Eine andere Option bleibt den IceTigers vermutlich auch nicht.  

Sportdirektor und Head-Coach der THOMAS SABO Ice Tigers, Martin Jiranek
Führt Martin Jiranek die IceTigers in seiner Doppelfunktion aus der Krise? (Foto: Birgit Eiblmaier)

 Zum Schluss noch die drei Auffälligkeiten aus dem AUX-Derby (wie immer, proudly präsentiert von ON THAT ASS!): 

  • Reimer liegt genauso wie seine Sturmkollegen weit hinter den Erwartungen. Dennoch zeigt der Kapitän, dass er in allen Situation sein Bestes gibt. Reimer nimmt zahlreiche Schüsse an, versucht den Spielaufbau zu leiten und im Power Play wegweisend zu sein. Das macht er gut, deshalb wird er hier genannt. Doch es reicht natürlich nicht, wenn nur ein Spieler (oder eben sehr wenige) tatsächlich die, vom Kapitän selbst geforderten, 100% abruft. Hut ab vor diesem Mann, der versucht viel zu stemmen und nahezu perfekt für die momentane Tragik des Nürnberger Eishockeys steht. 
  • Jenike muss sich zeitnah ein dickes Fell zulegen. Die Twitter-Community ist sich sicher, man solle sich nicht über Gegentore beschweren, wenn man den eigenen Torraum zu schnell zu weit verlässt. Tatsächlich ist Andy Jenike ein Torhüter, der genau das sehr gerne tut. Hier aber ist angebracht, den Torwarttrainer zu zitieren. Es mache keinen Unterschied, welcher der beiden Torhüter im Tor steht. Die Abwehr und das gesamte Spielsystem müssen funktionieren. Ansonsten kann auch der weltbeste Torwart nichts mehr retten. Und ja, Jenike ging in Augsburg einen Schritt zu weit aus seinem Torraum. Doch daran die erneute Niederlage (mitunter) festzumachen, ist schlichtweg falsch. 
  • Lalonde mag es, von der blauen Linie mit voller Wucht abzuziehen. Doch in Augsburg tat er das nicht. In Augsburg machte Lalonde erschreckend wenig. Er verlor Zweikämpfe, gab den Puck im eigenen Drittel an Augsburger Stürmer ab und bereitete seinem Verteidiger-Kollegen Marcus Weber häufig Schwierigkeiten. Dieses bayerische Derby war so gar nicht das Derby von Shawn Lalonde. Der Ex-Hai ist ein Verteidiger, dessen Leistung extrem schwankt. Ruft er die in Augsburg gezeigte Leistung ab, wird er eher zum Problem - als zum erlösenden Blueliner. Doch das kann sich schon morgen gegen Wolfsburg ändern. Lalonde wäre das mehr als zu wünschen. 

An diesem Punkt folgt normalerweise das Schlusswort. Beim Fazit aber kann man in der momentanen Situation vermutlich nur Fehler machen. Von alleine löst sich das Problem mit Sicherheit nicht. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft durch eine sehr harte Krise zusammenwächst, anfängt Spiele zu gewinnen und am Ende eine Erfolgsgeschichte schreibt. Doch was wäre eine Nürnberger Erfolgsgeschichte in dieser Saison? Und ab wann ist es dafür schon zu spät? Diese Frage müssen sich wohl alle Leser eigenständig beantworten. Ich persönlich glaube nicht, dass dieses Nürnberger Team die Play-Offs verpasst. Dafür ist das Potenzial des Kaders zu hoch. Eishockey gewinnt man nicht selten vor allem auch im Kopf. Und genau dort mangelt es wohl dem gesamten Kader an Sicherheit. Denn der Wille ist da, die Lichtblicke (wenn nur fünf Minuten lang) auch. 

 

Und bis dahin (bis wohin eigentlich?): Lächeln und winken. 

Natürlich gibt es auch diesmal die Möglichkeit, alle Interviews des Nürnberger Rundfunks in voller Länge nachzuhören. Wenn es unter den Lesern noch konservative Radio-Hörer gibt, werden hier immer montags alle Neuigkeiten zum Nürnberger Eishockey besprochen, sowie ausgewählte Interview-Töne in den Nachrichten gespielt.

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