"Nürnberg war alternativlos"

Der neue Headcoach der THOMAS SABO Ice Tigers Kevin Gaudet im Interview mit Stadionsprecher Christian Rupp
Foto: Thomas Hahn | Stadionsprecher Christian Rupp interviewt Headcoach Kevin Gaudet

Die Scheibe schlittert an der Bande entlang. Zwei Wiener stürzen sich schwer atmend in Bewegung. Doch vergebens: Der Puck kommt bei einem Mann in schwarz-rot und Warnwesten-Silber an. Ein Blick nach rechts, ein Blick nach links - zur Sicherheit nochmal einer nach rechts. Die Bahn ist frei. Der Puck geht an die blaue Linie. Die Scheibe tänzelt zweimal über die Kelle. Das Gesicht konzentriert und analysierend. Manchmal mit verbissenen Zähnen, die den Mundschutz stückweise zerlegen oder einer herausgestreckten Zungenspitze. Der Puck wird weitergegeben, der Weg scheint verbaut. Der Center wechselt unerwartet seine Position, der rechte Stürmer steht komplett frei. Scheint der Weg verbaut, werden anderweitige Wege gesucht und tatsächlich auch gefunden. Das Nürnberger Power Play scheint schon eine Woche vor dem ersten wichtigen Spiel attraktiv, sexy und schick auszusehen. Der Trainer sucht aktiv nach Alternativen und scheint schnell Spielzüge umzustellen, wenn der Gegner anders spielt, als gedacht. Das machte sein Vorgänger mehrfach nicht. Womöglich könnte das in acht Monaten dazu führen, dass der Mann "der auch mal ein Arschloch sein kann", den sehr beliebten Teddybär-Rob im Endergebnis schlägt. Für eine solche Prognose ist es aber noch wahrlich zu früh. Wien, Straubing, Ingolstadt und die Autostadt Tschechiens sind nicht unbedingt mit Berlin, Mannheim oder München zu vergleichen. Gute Ansätze verbreiten aber doch Hoffnungen. 

Nürnberg besiegte Wien deutlich mit 5:0. Das war nicht besonders überraschend, wenn man bedenkt, dass die Straubing Tigers zwei Tage später mit einem 5:1-Sieg vom Eis gingen und den dritten Platz mit nach Hause nehmen konnten. Wien zeigte sich über das gesamte Turnier erschreckend schwach und das obwohl die Hauptstädter Österreichs die Vorsaison als Hauptrunden-Sieger abgeschlossen hatten. Viel wichtiger als die Ergebnisse ist aber, dass die Chemie zwischen den Spielern zu stimmen scheint. Besonders bemerkenswert ist die positive Ausstrahlung von Patrick Reimer, der mit voller Überzeugung die Rolle des Kapitäns weitermacht. Kein böses Starren mehr; kein verletzter Blick. Reimer ist frisch. Der Kapitän ist bereit neu anzugreifen. Ebenso frisch zeigte sich der Hauptsponsor, der der Team-Vorstellung bei Mercedes-Benz mit einem Lächeln und viel Humor entgegen kam. Auch er scheint sich besonders zu freuen, dass es in wenigen Tagen wieder losgeht. Bereits beim Spiel am Freitagabend reichte es Thomas Sabo zu beobachten. Mehr brauchte es nicht, um nachvollziehen zu können, was gerade am Eis geschieht. Das ist eben Eishockey. Das ist eben Herzblut. 

 

Foto: Thomas Hahn | Volle Hütte bei Mercedes-Benz.
Foto: Thomas Hahn | Volle Hütte bei Mercedes-Benz.

Ein kurzes sportliches Urteil muss man sich trotz der Testspiel-Umstände erlauben können: 

 

Die eingespielte "erste Reihe" mit Brandon Segal, Dane Fox und Philippe Dupuis war (wie erwartet) stark. Auch die "dritte Reihe" mit Patrick Reimer, Will Acton und Jason Bast zeigte, dass diese Konstellation zielführend sein kann. Will Acton bewies allemal, dass er ein guter Steven Reinprecht/David Steckel - Ersatz werden kann. Schwächer ausgesehen haben dafür Leo Pföderl, Brandon Buck und Chris Brown. Die Reihe funktionierte so gut wie gar nicht. Anstatt den längst notwendigen Schuss abzufeuern, drehte Pföderl mehrmals ab oder spielte zu seinem Mitspieler, der in einer offenkundig schlechteren Position war. Das bedeutet allerdings noch nichts. Auch hier kann sich viel ändern. Viel ändern müsste man auch an der Eiszeit der vierten Reihe. Petr Pohl, Daniel Weiß und Eugen Alanov kamen beim Spiel gegen Wien erst in der 13. Spielminute aufs Eis. Das lag natürlich vor allem an den vielen Strafzeiten, die völlig regelkonform gegeben wurden. Allerdings sagte der Schiedsrichterbeauftragte der Liga (der am Freitagabend vor Ort war), dass während der Saison nicht so sensibel entschieden werden soll. Dann könnte die nominell vierte Reihe auch zeigen, was in ihr steckt. 

 

Auf der Torhüter-Position kann man "leider" nur ein einseitiges Fazit ziehen. Niklas Treutle machte an beiden Tagen ein sehr gutes Spiel. Es waren kaum Unsicherheiten zu sehen. Das Selbstbewusstsein und die Fitness scheinen makellos zu stimmen. Leider gibt es dazu keinen vergleichbaren Gegenpart. Andy Jenike erlitt einen fiesen Stich in die Hand und musste aussetzen. Es ist davon auszugehen, dass Treutle bei der Champions Hockey League den Anfang macht und gleich zu Beginn die Chance bekommt, die Krone des Nürnberger Torraums für sich zu beanspruchen. 

Foto: Thomas Hahn | Die IceTigers im Schnell-Check vor der Champions League.
Foto: Thomas Hahn | Die IceTigers im Schnell-Check vor der Champions League.

In der Verteidigung muss man Tim Bender positiv hervorheben, der einige gute Aktionen zeigte. Bender beweist Potential und könnte in der anstehenden Saison ein wichtiger Teil unserer Defensive werden. Negativ aufgefallen ist Milan Jurčina, der nach fast sechs Monaten wieder ins aktive Spielgeschehen eingreifen konnte. In beiden Spielen fehlte Geschwindigkeit und Einsatz. Hier hätte Gaudet problemlos Eric Stephan testen können, der für keines der beiden Spiele aufgestellt war. Auch wenn Stephan anfängliche Unsicherheiten aufweist, ist der Wille und das Tempo eindeutig mehr zu sehen, als bei Milan Jurčina. Egal mit welchem Mitspieler der Slowake zusammenspielte: es wollte/sollte nicht klappen. Es dürfte niemanden wundern, wenn Stephan in Tschechien antreten darf und Jurčina zu Hause bleibt (vorausgesetzt der Coach hat den selben Blick auf das Spiel wie ich). Mich zumindest nicht. 

Das war dein Eishockey-Blog: Der Blog für wahre Eishockey-Fans in Nürnberg.
Das war dein Eishockey-Blog: Der Blog für wahre Eishockey-Fans in Nürnberg.

Ganz unabhängig vom Ausgang des Finalspiels gegen BK Mladá Boleslav spielten die IceTigers ein überzeugendes Heimturnier. Die meiste Zeit über war die Nürnberger Vorstellung Saison-reif. Eins darf man zum Schluss allerdings nicht vergessen: Dane Fox zeigte in beiden Spielen, dass er keine Samthandschuhe trägt. Lässt Kevin Gaudet Fox sein Spiel durchziehen, kommt auch der Respekt und die Härte zurück aufs Nürnberger Eis. Ein Faktor, der spätestens im Halbfinale gegen Berlin fehlte. In den nächsten zwei Wochen geht es dann gegen Tschechien und Finnland weiter. Beide Teams sind theoretisch besser, praktisch aber realistisch schlagbar. Deinen nächsten Eishockey-Blog gibt es dann am Montagmorgen zum finnischen Frühstück. 

 

Und bis dahin: Pläne sind cool, Alternativen sind besser. 

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