Aus der Hand gegeben!

Foto: Birgit Eiblmaier
Foto: Birgit Eiblmaier

Man konnte sie riechen, zumindest bei geöffnetem Fenster in Zimmer 304: Die maritime Luft. Der Trainer, Sportdirektor und Charmeur Martin Jiranek  sonnt sich vor dem Hoteleingang und grüßt mit dem wohl weltbekannten Akzent ein freundliches "Guten Morgen". Der ehemalige "König von Schwenningen" chattet im Foyer des Mercure Hotels. Eugen Alanov chattet stehend und zeigt grinsend gute Laune. Zwanzig Minuten später geht das gesamte Team die 1350 Meter zur besonders klein gehaltenen Eisarena in Rouen, deren Fassade so gar nicht den Anschein macht, eine Eisarena zu sein. Generell machte Rouen an diesem Mittwoch-Vormittag so gar nicht den Anschein, eine besonders belebte Stadt zu sein. Fotografin Birgit Eiblmaier und ich sahen einen waschechten Bilderbuch-Drogen-Verkauf an der Hauptstraße, sieben Männer mit überdimensionalen Maschinengewehren, 327 Klein-Cafes, ein einziges (!) Fast-Food Restaurant, drei mit Matrosenanzug gekleidete Männer, ein schwedisches Model und Rom im Jahr 310. Zum Frühstück gab es unbegrenzt Baguette mit regionalem Fromage, eine sehr liebevoll aussehende Papiertüte zum "Frühstück einpacken" und einen exotischen Früchtetee. Abends verwandelten sich die Gassen neben dem Hotel zur Rotlicht-Party. Selbst die Restaurants bevorzugten rote Beleuchtung. Da nahezu alle Gaststätten um allerspätestens 22:30 Uhr die Türen verriegelten, machte die Stadt vor allem nachts einen besonders unsicheren Eindruck. Aber eins kann natürlich nicht vergessen werden: Eishockey gespielt wurde auch noch. Und was für eins. 

Bevor man sich mit dem Spiel auseinandersetzt müssen die Umstände beleuchtet werden, unter denen die Partie ausgetragen wurde. In der Tat ist die Eisarena in Rouen keine Top-Halle. Doch in diesem Fall müssen alle Leser des Blogs glücklich darüber sein, dass an dieser Stelle keine Gerüche übertragen werden. In den Gängen stand ein sehr unangenehmer Geruch, wie man ihn sonst nur aus dem inneren Herz von Eishockey-Kabinen kennt. Nur mit dem Unterschied, dass die gesamte Halle danach roch. Ebenso sehenswert waren die Spieler-Bänke. Im ersten Moment bestand der Verdacht, dass es sich dabei lediglich um die Bänke des Nachwuchses handelt, der eine Stunde vor dem Spiel noch voll im Abend-Training war. Doch spätestens kurz vor dem Warm-up zeigte sich, dass es keine anderen Bänke geben wird. Geschäftsführer Wolfgang Gastner und Equipment Manager Ralf Neiß legten Hand an und schoben die Bank zumindest ein bisschen näher an die Bande.

Die Distanz zwischen Bande und Bank betrug vor der Rettungsaktion tatsächlich noch mehr als drei bis vier Schritte. Das wäre dann doch zu ungewohnt gewesen. Aber auch die Gäste-Kabine war in einem desolaten Zustand, der so vermutlich einer Oberliga-Kabine in Deutschland gleichkommt. Marcus Weber und seine Teamkollegen zeigten sich dennoch gut gelaunt, als sie nachhakten, ob wir geflogen sein. Guter Humor, ich spüre den Beifahrersitz noch heute.

Mit rollen und "ganz old-school": Die Spielerbank der THOMAS SABO Ice Tigers in Rouen - Foto: Birgit Eiblmaier
Mit rollen und "ganz old-school": Die Spielerbank der THOMAS SABO Ice Tigers in Rouen - Foto: Birgit Eiblmaier

Guten Humor bewiesen die Tiger übrigens auch beim Warm-Up selbst. Eugen Alanov honorierte die Musikauswahl mit begeistertem Nicken zum Beat, Shawn Lalonde riss ununterbrochen Witze über den - nun ja, französischen Charme dieser Halle. An dieser Stelle noch ein letztes Wort zur Spielstätte: Die Eishalle in Rouen gilt übrigens als eine der "besten" Eishallen in unserem Nachbarland. Über den Stellenwert der Sportart müsste somit kein weiteres Kommentar mehr nötig sein. 

Thomas Sabo suchte sich gleich zu Beginn der Partie den VIP-Stehplatz aus. Auch er war gut gelaunt. Nürnbergs Klassenfahrt mit dem Schlafbus wäre vermutlich auch ein passender Titel gewesen. Aber gut, erstes Drittel: 

Rouen zeigte sich unerwartet stark. So auch die Zuschauerränge, die beeindruckend laut waren. Das machte den Standort dann doch promt sympathischer. Die ersten zwanzig Minuten waren schnell, die Tiger mit vereinzelten Möglichkeiten. Besonders die Geschwindigkeit machte den Abwehrreihen stellenweise leichte Probleme, die aber Andy Jenike mit seinen Glanztaten klärte. Patrick Reimer, Eisbär Leo und Marcus Weber vergaben ihre Chancen, nach den ersten zwanzig Minuten stand es 0:0. Beschweren konnte sich darüber wirklich niemand.  

Ein Teil des Ertrags dieser Blog-Ausgabe geht an die Brustkrebs-Spendenaktion des Nachwuchses. Details werden zeitnah bekanntgegeben.
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Was mit Leo Pföderl ist, weiß übrigens niemand. Selbst Pföderl nicht, der offensichtlich laut eigenen Angaben noch gar nicht mit den Eisbären Berlin kommuniziert hat. Gewissheit wird es diesbezüglich wohl erst gegen Ende der Saison geben. So oder so wird er Nürnberg viel Freude bereiten. Ob diese Freude über diese Saison hinausgeht, wird sich zeigen. Nachdem Andy Jenike in den ersten Minuten des Mittelabschnitt seine Teamkollegen gleich drei Mal vor dem Rückstand rettete (einmal sogar Sieger eines Alleingangs blieb), checkte Shawn Lalonde seinen Gegenspieler etwas unsanft gegen die Bande. Nötig war das nicht, dank des Stockschlags eines Rouenaners ging es aber vier gegen vier weiter. Das Publikum zeigte sich entsetzt. Dabei spielte Rouen ein Power Play, nachdem Mike Mieskowski minutenlang verletzt am Eis lag. Kein Grund zur Beschwerde. Genauso lautstark beschwerten sich die heimischen Zuschauer auch, nachdem (natürlich) Chris Brown das 0:1 machte. Der Nürnberger Gästeblock aber machte dafür umso mehr Stimmung und verdient sich hier eine sehr ehrenvolle Erwähnung. Hut ab. Eine Minute später war Andy Jenike geschlagen. Das war absehbar und lag ganz und gar nicht an Jenike. Brett Festerling stand völlig alleine gegen drei Stürmer und musste machtlos zusehen. Danach brannte es lichterloh und plötzlich verstanden alle, die es bis dahin nicht taten, wie Rouen die tschechischen Rasenmäher schlagen konnte. Ein Tor genügt und les Dragons sind hellwach zur Stelle. 

Andy Jenike ständig unter Beschuss, Rouen sehr schnell und motiviert! - Foto: Birgit Eiblmaier
Andy Jenike ständig unter Beschuss, Rouen sehr schnell und motiviert! - Foto: Birgit Eiblmaier

Ja, und dann? Was geschah dann eigentlich? Kurz gesagt: Nürnberg hat immer noch nichts dazugelernt. Nürnberg hat immer noch nicht verstanden, dass ein Spiel nicht entschieden ist, sobald man mit einem Tor Unterschied in Führung liegt. Woran das liegt? Das kann wohl niemand beantworten. Obwohl Martin Jiranek im Minutentakt wiederholte, dass seine Jungs genauso weiterspielen müssen, passierte genau das nicht. Das Tor zum 2:2-Ausgleich kündigte sich minutenlang an. Und der endgültige Nackenschlag ebenso. Dass Brandon Buck zwei Minuten nahm begünstigte die Situation von Rouen natürlich. Denn wie wir alle wissen: Rouen braucht sechs Punkte aus beiden Spielen, um weiterzukommen. Ohne den hohen Stock von Brandon Buck, wäre Matija "Pinta" Pintarič vermutlich genauso aus dem Tor gegangen. Ein Tor gemacht hätte Rouen bei 6 gegen 5 wohl kaum. Deshalb lässt sich schnell, trocken und schmerzlos sagen: Nürnberg hat das Spiel eigenhändig aus der Hand gegeben und unnötig verloren. Umso besser kann es sich anfühlen, wenn am Dienstag das Weiterkommen gelingt. Unmöglich ist das natürlich nicht. Rouen war heute nicht das bessere Team und wird es auch in sechs Tagen nicht sein. 

Will Acton in CHL-Form: Auch in Rouen mit einem Tor beteiligt! - Foto: Birgit Eiblmaier
Will Acton in CHL-Form: Auch in Rouen mit einem Tor beteiligt! - Foto: Birgit Eiblmaier

Birgit Eiblmaier und ich trinken in diesem Moment Wein aus Zahnputzbechern - das wahrscheinlich einzigste, was an diesem Hotelzimmer 304 nicht total fancy ist. Deshalb ist es endgültig Zeit, um die drei auffälligsten Spieler vorzustellen:

 

  • Andy Jenike. Andy Jenike. Andy Jenike. Seitdem Kevin Gaudet nicht mehr versucht den Trainer zu spielen, bekommt Andy Jenike ein bisschen mehr Vertrauen, als Niklas Treutle. Das ist auch gar nicht verkehrt. Denn nur so kann Jenike Sicherheit bekommen, die er momentan im Vergleich zu Treutle nicht zeigt. Heute hat er allerdings erneut bewiesen, dass er ein genauso guter Torhüter ist. Bei keinem einzigen Tor trägt Jenike auch nur ansatzweise die Schuld. Ich traue mich zu sagen, dass die sehr zahlreichen Support-Gesänge aus dem Gästeblock sehr gut waren. Auch wenn Jenike kaum reagierte, angekommen sind die Gesänge dennoch. Es sind eindeutig Verbesserungen zu sehen. Wenn das so weitergeht, haben wir in ein paar Wochen zwei gleichwertige Torhüter. Ohne zwei Torhüter, die ihre besten Leitungen bringen, kann dieses Team wohl noch nicht gewinnen. 
  • An dieser Stelle kann man natürlich wieder Jason Bast nennen - Chris Brown nennen - Brandon Buck nennen - Marcus Weber nennen oder Eric Stephan, der sich Spiel zu Spiel weiterentwickelt. Aber nein, wir suchen diesmal einen Spieler, der nicht im Rampenlicht steht. Wir suchen einen Spieler, der ganz viel "schwarze Arbeit" verrichtet, kaum zu sehen ist und doch eine der wichtigsten Bausteine. Die Rede ist von Brett Festerling, der unermüdlich alles tut, um die gegnerischen Spieler von Schüssen abzuhalten. Festerling wird niemals ein Spieler sein, der viele Tore verwertet. Das muss er aber auch gar nicht, da seine Abwehrtätigkeiten in ganz andere Richtungen gehen. Ja, Brett Festerling ist momentan vermutlich der beste Abwehrspieler der IceTigers. 
  • Und dann, keine Spieler, sondern Mitarbeiter: Die beiden Equipment Manager Ralf und Patrick leisten einen hervorragenden Job. Heute haben es die Umstände nicht anders gewollt: Dank den verwirrenden Katakomben in der Halle beobachtete ich zwei volle Drittel und die Arbeit nach dem Spiel. Egal ob es Brandon Buck war, dessen Visier gerichtet werden musste, oder Shawn Lalondes Schläger. Die Equipment Manager verdienen hier ein ehrenvolles Lob. Dasselbe gilt natürlich auch für Thomas Schinko und Thomas Hirn. 

Das Team ist unmittelbar nach dem Spiel mit dem Bus abgereist. Es geht ohne Umwege in die Autostadt Deutschlands, in der es dann unbedingt den nächsten Sieg im normalen Ligabetrieb geben soll. Tim Bender kündigte im Interview an, dass sie sich allerspätestens kommende Woche revanchieren werden und bedankte sich nochmal, dass so viele Fans in Rouen waren. Bis zum Rückspiel gegen die Drachen aus der Normandie vergehen aber noch zwei Spiele. In beiden Spielen ist ein Sieg möglich. Spätestens beim Rückspiel muss es dann aber passen, um das Weiterkommen nicht im letzten Schritt aus der Hand zu geben. 

 

Und bis dahin: Frommage, Frommage.  

Natürlich gibt es auch diesmal ein Interview vom Spiel: Den Ton gibt es spätestens zwei Stunden nach Spielende zum Nachhören, oder immer am Folgetag in den Sport-Nachrichten des Radiosenders AFK Max. Das gesamte Interview wird auch unmittelbar nach Spielende bei Facebook hochgeladen. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dominic (Donnerstag, 11 Oktober 2018 09:14)

    Guten Morgen,

    erstmal zum Spiel an sich:
    Rouen war vielleicht nicht die talentierteste Mannschaft (Gott sei Dank!!!) und zum Glück auch nicht die kaltschnäuzigste Mannschaft aber definitiv der verdiente Sieger dieses Spiels. Der Ausdruck "knappe Niederlage" erscheint doch sehr schmeichelhaft in Anbetracht der spielerischen Leistung der Tigers. Auch wenn wir Top-Verteidiger im Lazarett mit weiteren Hochkarätern sitzen haben und zudem wenig bis gar keine Zeit zum trainieren haben ... ist diese Verteidigungsart mit nichts von beiden zu entschuldigen.

    Der Slot war des öfteren verweißt und gerade zu einladend für gegnerische Stürmer. Die nähe zum Gegner sowie die dazugehörige Härte haben gänzlich gefehlt. Aufbaupässe waren dürftig und kamen eher mit Glück an. Die kassierten Gegentore spiegeln perfekt unser Problem und Jiranek wirkte sehr ratlos hinter der Bande.
    Ich halte sehr viel von Jiranek als Trainer aber noch wesentlich mehr halte ich von ihm als Manager/ Sportdirektor. So sehe ich langsam den Zeitpunkt gekommen einen richtigen Trainer anzustellen (wobei der Ausdruck "richtigen" nicht korrekt wäre und Jiraneks Engagement nicht gerecht werden würde. Eher muss man sagen, dass jetzt ein Trainer mit nur einem Aufgabengebiet kommen muss.).

    Und somit wären wir bei der Kausa Leo Pföderl.
    Diese Meldung und das Dementi?, von Pföderl (kommt auf die Sicht des Betrachters an!), zeigen wie wichtig es wäre wenn Jiranek sich nur noch auf solche Punkte konzentrieren könnte.

    Fazit:

    Den Glauben in die Mannschaft habe ich nicht verloren und noch ist alles drinnen. Aber die Frage ist ob es für den Verein sinnvoll wäre, mit Jiranek als Trainer die Saison zu beenden und damit ein Risiko für die Kaderplanung 19/20 einzugehen da beide Posten ein Vollzeitjob sind.

  • #2

    Bille (Donnerstag, 11 Oktober 2018 09:26)

    ����Super geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Gute Heimreise. ��