Der fetten Ladys Stimmbänder

Es ist kurz nach Mitternacht. Der einzige Fanbus, der es am Mittwochabend mit 16 Fahrgästen nach Bremerhaven geschafft hat (und mich, armen Journalisten mitgenommen hat), befindet sich vermutlich kurz hinter Bremen. Bevor die unbeschreiblich nette Fangemeinschaft, um mich herum, endgültig in Liebeshymnen auf Chad Nehring und Nicholas Jensen versinkt, folgt hier der Blog zum Spiel. Lassen Sie uns, wie gewohnt, mit dem Intro beginnen: Pünktlich zu den PlayOffs taucht sie auf, diese fette Lady. Wenn Sie mich fragen, ist das ein ziemlich wahrer Mythos.  Es ist nie vorbei, bevor das Oversize-Model der Eishockeyszene die Stimmbänder schwingt und die hässliche Sommerpause einläutet. In Nürnberg soll man sie schon oft gesichtet haben, zuletzt in Form von Mister Daniel P aus Geretsried. Diesmal sind es ein paar Männer, namens Patrick Reimer, Niklas Treutle und Dane Fox. Arm in Arm singen sie in Bremerhaven. Zumindest ölen sie sich die Stimme, bringen  sich in Position und trällern womöglich schon am Freitagabend um 21:58 Uhr laut los. Doch bis dahin ist noch ein bisschen Zeit.

Ein bisschen Zeit dafür, dass allererste PlayOff-Spiel zu analysieren. 

 

Ich halte sehr viel vom Eishockeystandort Bremerhaven. Es ist einfach bemerkenswert, wieviel dieser Stadt mit dem minimalistischen Etat der Fischtown Pinguins gelingt. Dasselbe gilt für die Zuschauer vor Ort, die sich in den allermeisten Fällen vorbildhaft verhalten und allen Auswärtsfans mit Respekt begegnen. Diese Eishockeyfans aus Bremerhaven stehen mit vollem Herzblut hinter der Mannschaft. Deshalb ist es vollkommen nachvollziehbar, alle Berührungen durch Nürnberger Spieler mit einem lauten "Hey" und einem panischen "Ey" zu kommentieren. Das gehört dazu, die Schiedsrichter beeinflusst das ohnehin nicht. Allerdings gehört es sich nicht, einen Spieler als Simulant zu beschimpfen und mit schrillen Pfiffen aus der Eisarena zu begleiten, der fast eine halbe Minute regungslos auf dem Eis lag. Der Check gegen Marcus Weber war (ohne Diskussion) unsportlich, unfair, brutal, sinnlos und auch noch abseits des eigentlichen Spielgeschehens. Für Weber und für Nürnberg bleibt zu hoffen, dass es beim "Brummen im Kopf" bleibt. Über den Gesundheitszustand von Marcus Weber gibt es zu diesem Zeitpunkt (Donnerstag, 00:34 Uhr) keine Einzelheiten zu berichten. Um das Spiel analysieren zu können, ohne eine Lesezeit von mindestens drei Stunden aufzurufen, fahre ich fortan mit profesorischen Bulletpoints vor. Ich hoffe Sie verzeihen die, für mich eher untypische Blogweise. Das Spiel gibt einfach mindestens dreimal so viel her, wie alle 52 Hauptrundenspiele zusammen. Nun denn, auf: 

  • Chad Nehring trägt langes Haar und sieht deshalb kriegerisch aus. Sein Aussehen bestätigte er, nachdem er die Scheibe (regelkonform) über die Linie schob und zum 1:3 "traf". Der nachfolgende Jubel war eine Show. Er riss sich den Helm vom Kopf, brüllte die Fankurve an und hob beide Hände in die Luft. Niklas Treutle fand das, im Interview nach dem Spiel, ein bisschen frech. Auf dem Eis fand Treutle das nicht nur "ein bisschen" frech. So wütend habe ich (und viele Fans, mit denen ich nach dem Spiel gesprochen habe) den sonst so entspannten Nürnberger Torhüter noch nie gesehen. Als Lob bekam er vier Gummihühner aufs Eis geworfen. "Die tun wenigstens nicht weh, wenn sie mich treffen", witzelte er im Interview. NIT31 kämpfte demnach mit NIT74 darum, Bremerhavens Staatsfeind Nummer eins zu werden. Wer am Ende der Sieger ist, entscheiden Sie bitte eigenständig. 
  • Dane Fox trägt kein langes Haar, sieht deshalb aber nicht weniger kriegerisch aus. Dane Fox war fantastisch. Auch wenn seine Stockschlag-Strafe im ersten Drittel sehr dämlich war, machte er es mit der Provokation seines Gegenspielers wieder gut, in deren Folge das 2:0 in doppelter Überzahl fiel. Der Nürnberger Fuchs ging um und er bekam sie alle: Fox war nur am schimpfen, schlagen, brüllen und ausrasten. Er schrie die Zeitnahme an, die zwischenzeitlich so überfordert war, dass sie den Schiedsrichter um Hilfe bat. Er lachte der ganzen Stadt ins Gesicht, als er auf die Strafbank fuhr und flüsterte dem Linienrichter charmante Worte ins Ohr, als er in den Genuss dessen körperlicher Nähe kam: Pure Play-Off Erotik der Spitzenklasse. Der Nürnberger Fuchs wird gebraucht. Nicht nur gegen Bremerhaven und Chad Nehring, sondern auch gegen Mannheims Spitzentruppe, die auf Nürnberg wartet. 
  • Die Schiedsrichter waren im Endeffekt nicht schlecht. Ja, sie waren mit Dane Fox und der extremen Aggressivität im Spiel etwas überfordert, durchdachten aber alle Entscheidungen mehrfach. Die Aussprache der Strafen nach der Massenschlägerei mit Chad Nehring, Niklas Treutle, Brandon Segal, Dane Fox (und weitere) war fast fehlerfrei. Die einzige "seltsame" Situation bleibt der Videobeweis beim Bremerhavener Tor zum 1:3. Der Treffer ist regelkonform, die Entscheidung auf dem Eis hieß "good goal". Einige Minuten später machten sie ein "no goal" daraus, um erneut wenige Minuten später doch den Videobeweis aufzusuchen und ein endgültiges "good goal" schafften. Angesichts der Umstände aber ein akzeptables Chaos. Die Schiedsrichter machten ihren Job nicht schlecht. 

Mein Vordermann reicht mir ein CrazyTours-Radler (es ist 01:45 Uhr), ich lehne dankend ab. Daraufhin grölen vier Fahrgäste "der Winkler hat ein Blog, der Winkler ein Blog". Es ist spät. Zu spät. Sie merken, dieses Spiel hätte noch so viel mehr zu bieten. Doch jetzt wird gefiltert, nach einer kurzen Werbepause.   

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Ein Euro kann viel bewirken! 

Natürlich darf das auch in den PlayOffs nicht fehlen; die drei (heute: SECHS) Auffälligkeiten, wie gewohnt präsentiert von ONTHATASS und diesmal auch von der svenskadirektreklam

  • Die ganze Mannschaft hat sich ein Lob verdient. Nürnberg hat den Playoffschalter gefunden, Bremerhaven noch nicht. Das muss kein Dauerzustand sein, allerdings hilft es den Optimismus für die kommenden (möglicherweise letzten) drei Drittel gegen die Fischtown Pinguins zu steigern. Vor allem in den "Kampfszenen" war zu sehen, dass diese Nürnberger Mannschaft doch zusammenhalten kann. Ob Trainer oder Spieler: Diesmal stand eine Einheit auf dem Bremerhavener Eis. Eine Einheit, die gemeinsam gewonnen hat. Die Spieler schrien den Saisonfrust beim Verlassen der Eisfläche aus sich raus. Ja, da ist vielleicht noch viel drin, für diese Jungs. 
  • Milan Jurcina hat sein allererstes Playoffspiel für die Thomas Sabo Ice Tigers absolviert und durchaus beeindruckt. Jurcina löste auch schwere Situationen in der Abwehr clever auf, hielt den Gegner auf Abstand und setzte sogar seinen Körper ein. Einmal wurde er dafür (zurecht) bestraft. Abgesehen davon ein gelungenes Spiel von Milan Jurcina, den man an dieser Stelle einfach lobend erwähnen muss. 
  • Tim Bender ist, bis auf die erste Nürnberger Strafe des Spiels, lediglich positiv aufgefallen. Benders Pässe waren (fast immer) perfekt. Benders Geschwindigkeit zweifellos lobenswert, sein Kampfgeist und Wille nicht zu übersehen. Dass er sich dann auch noch eigenständig mit einem wunderbaren Tor zum 1:3 belohnt, ist absolut verdient. An dieser Stelle ein Väterliches: Weiter so, nicht nachlassen. 
  • Und sonst positiv aufgefallen sind: Mike Flanagan, Patrick Reimer, Shawn Lalonde, Niklas Treutle (natürlich), Tom Gilbert, Marcus Weber (gute Besserung!), Dane Fox, Chris Brown
  • Bislang (noch) unauffällig: Leo Pföderl
  • Und, nicht zu vergessen: die ganze Mannschaft hat sich dem Gästeblock zugewandt und fast schon extrem euphorisch die angereisten Fans (circa 30-40) beklatscht. Das ist ebenfalls sehr lobenswert!

Bremerhavens Spiel war sehr enttäuschend. Bis auf das, etwas glückliche, 1:3 passierte nicht viel. Von einer Mannschaft, die normalerweise mit 120% aufspielt, war das einfach viel zu wenig. Nürnberg war deutlich besser. Wenn sich daran nichts ändert (und die IceTigers Chad Nehring unter Kontrolle halten), wird es kein drittes Spiel mehr geben. Doch bis dahin sind noch drei Drittel zu spielen. Drei Drittel, in denen sehr viel passieren kann. Behält die Mannschaft allerdings die Spielweise bei, reicht es allenfalls für das Viertelfinale. Pavel, your favourite team is coming. 

Und bis dahin: Es ist nicht der Stil von Coach Popiesch, der gegnerischen Mannschaft mit unfairen Aktionen zu schädigen. Die Aktion gegen Marcus Weber war keinesfalls gewünscht. Sollte ich mich in Popiesch nicht täuschen, wurde der Check nach dem Spiel besprochen. 


Und, das zweite "bis dahin": Buchen Sie noch keinen Urlaub. 

Natürlich darf auch das Interview nicht fehlen. Auszüge hiervon gibt es (noch heute) auf Radio Max zu hören, sowie auf weiteren Nürnberger Rundfunksendern. Sollten Sie aber zu der Generation zählen, die der Hotrotation von 0815-Sendern den Rücken kehrt, dürfen Sie sich hier das Interview in voller Länge anhören. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank (Donnerstag, 07 März 2019 13:17)

    Danke, Oli!
    Spende erledigt. Lass Dir den Kaffee schmecken. ;-)
    Viele Grüße
    Frank