Europa liebt Nürnberg, Nürnberg liebt Europa!

Foto: Thomas Hahn
Foto: Thomas Hahn

Kaum ein Team sorgte während der beiden europäischen Wochenenden für so viel Gesprächsstoff. Vier CHL-Spiele liegen hinter uns. Eins ist klar: Nürnberg ist bereits vor dem Start der Deutschen Eishockey Liga zu einer starken Mannschaft zusammengewachsen. Und: Europa liebt Nürnberg. Nürnberg liebt Europa. Kein Spiel verging ohne schwärmerisches Lob von allen Seiten. Die Nürnberger Fans präsentierten die deutsche Eishockey-Fan-Kultur von der Schokoladenseite. Im tschechischen Hradec Králové hat man noch nie so einen vollen und vor allem lauten Gästeblock erlebt, der unermüdlich Gas gab. In Finnland lag das stets bemühte Team stellenweise mit sieben Toren hinten. Der Gästeblock aber feierte, als hätte man gerade das von Fairness überschwemmte sechste Spiel gegen Berlin in den letzten sieben Sekunden gedreht. Ins heimische Gral kamen zu beiden Spielen nicht überraschend viele Zuschauer. Dank Flatterband im Fan-Block und Lautstärken-Messer im Power-Break klang es bei beiden Spielen eher nach vollem Haus. Ja, am Sonntagabend klang es sogar viel mehr nach Play-Off-Finalspiel 7. Auch die Nürnberger Spielergebnisse verstreuten sich bereits während des Schlussdrittels in den sozialen Medien. Nürnberg wurde innerhalb von zwei Wochenenden bekannt. Kurz gesagt: Die Champions Hockey League ist Nürnberg (ausgenommen vom Krankenstand) bislang unbeschreiblich gut gelungen. 

Drei Stunden bis zum Spielbeginn. Mein Handy klingelt. Einer der Medien-Koordinatoren der europäischen Königsklasse meldet sich an der anderen Leitung. Er fragte mich, ob diese Nürnberger gegen diese Finnen Chancen haben. Ich lachte und sagte, dass es wohl sehr unangenehm und tränenreich werden würde. Beides stimmt. Das Spiel gegen den finnischen Meister war unglaublich unangenehm. Tränenreich wurde es bei Hauptsponsor Thomas Sabo, der während der Ehrenrunde eine Träne mit seinem CHL-Schal abwischte. Wenn die Sonnenbrille nicht gewesen wäre, hätte man sein Lächeln im Gesicht vermutlich bis an die finnische Küste strahlen sehen. 

Das Team zog in eine Schlacht, die nicht gewonnen werden konnte. Die Finnen waren eindeutig zu schnell. Allerspätestens im Mittelabschnitt wusste niemand mehr, wie das enden soll. Vor allem die Nürnberger Verteidiger wussten nicht mehr, wohin mit diesen Finnen. Nicht nur, dass der Kader des Gegners deutlich besser bestückt war. Auch am Eis sah man die finnischen Stürmer stellenweise doppelt und dreifach. Zum besseren Verständnis hier ein Auszug aus dem Leben der Verteidiger im Mittelabschnitt: Eric Stephan verlor seinen Schläger. Er versuchte zeitgleich den Schläger wieder zubekommen und drei Frettchen vom Tor wegzubringen. Er langte dreimal neben den Schläger. Dann schlug Andy Jenike seine Fanghand über die Scheibe. Keine Minute später steht Marcus Weber hinter dem Tor. Links kein Mitspieler, rechts kein Mitspieler. Hinter ihm ein gieriger Ouluaner. Der einzige Ausweg: Weber rannte um sein Leben. Dabei passte er mehrmals zu den Gegenspielern. Viel Schuld trägt er daran aber nicht. Immerhin wäre Milan Jurcina noch dagewesen. Rein theoretisch zumindest. Hinterher kam der Slowake nicht wirklich. Genauso wenig gelang es Tim Bender, den Puck immer problemlos aus der Zone zu bekommen. Acht Minuten lang war es schon grandios, wenn die Scheibe zumindest die Mittellinie berührte. 

Foto: Birgit Eiblmaier  - Alle Zweifel weggefangen: Goalie Andy Jenike in Topform.
Foto: Birgit Eiblmaier - Alle Zweifel weggefangen: Goalie Andy Jenike in Topform.

Zwei Tore im Eishockey auszugleichen ist keine Wundertat. Zumindest dann nicht, wenn man gleichwertige oder nur leicht bessere Gegner vor sich stehen hat. Die Nürnberger Jungs aber leckten Blut. Fans und Mannschaft wuchsen im dritten Drittel zusammen. Kevin Gaudet applaudierte begeistert, als die gesamte Halle (wohlgemerkt ohne Aufforderung der Südkurve oder des Stadionsprechers) aufstand und den finnischen Trainern Angst machte. Man kenne sowas in Finnland nicht. Der Rest ging sehr schnell. Brandon Segal stocherte nach und machte den Anschluss. Geben die Schiedsrichter das Tor nicht, ist das Spiel entschieden. Die Unparteiischen aber gaben es. Eine von wenigen Entscheidungen, die richtig waren. Mehrmals übersahen die Schiedsrichter Stöcke in den Gesichtern der Finnen. Im Gegenzug gab es hier und da ein Abseits zu viel. Überzählige Finnen wurden ausgeblendet. 

Foto: Thomas Hahn | Einer der momentan besten Nürnberger Spieler: Brandon Segal.
Foto: Thomas Hahn | Einer der momentan besten Nürnberger Spieler: Brandon Segal.

Der Rest des Drittels ist unbeschreiblich. Das war Faszination Eishockey. Die restlichen Minuten des Spiels waren der Grund, warum Eishockey die unbestritten beste Sportart der Welt ist. Die Arena schaltete in den Play Off Modus, Nürnberg machte Oulu das Spiel zur Hölle. Will Acton schoss beim ersten Tor dem Coach von Kärpät Oulu die Farbe aus dem Gesicht. Die gesamte Bank der Finnen war regungslos. Beim zweiten Tor hob er Thomas Sabo, Ordner, Fans, Omas und Opas und die gesamte Pressetribüne (bis auf wenige Ausnahmen) in die Höhe. Würde die CHL messen, wer den lautesten Torjubel hat, wäre das Aufnahmegerät durchgebrannt. Nürnberg drehte ein Spiel gegen den finnischen Meister. Und das obwohl viele Schlüssel-Spieler an der Bande standen und zuschauten. Und das obwohl die Frettchen doch so viel besser waren. Und das obwohl Andy Jenike die angeblich schlechteste Entscheidung des gesamten Spieltags war. 

Im Gegenteil: Das Tor war grandios behütet. Andy Jenike zeigte nach dem Spiel nicht besonders viele Emotionen. Er ging wortlos in die Kabine und kam wortlos zur Ehrenrunde. Viel sagen musste er auch nicht. Seine Leistung beantwortete alle Fragen, die im Raum standen. Sein Kontrahent macht den sichereren Eindruck. Jenike hat dennoch bewiesen, dass er einer der Gründe sein kann, die den finnischen Meister kippen lassen. Das lag auch daran, dass er diesmal nicht im Stich gelassen wurde. Auch wenn es ein Stürmer sein musste: Es versuchte immer einer seiner Vordermänner den Puck im letzten Moment weg zuschlagen. Mit dieser Einstellung kann Nürnberg (völlig unabhängig von der Besetzung des Torraums) Spiele gewinnen. Die Torhüter-Diskussion müsste damit beendet sein. 

Bevor es zum Schlusswort kommt, muss noch ein kurzes Fazit zu der Arbeit des neuen Trainers abgegeben werden. Kevin Gaudet macht das unerwartet gut. Nürnberg zeigt unterschiedliche Spielstile, passt sich dem Gegner an und bringt auch mit drei Reihen enorme Energie ins Spiel. Diese Woche aber müssen wir uns alle wieder beruhigen. Am Freitagabend wird es wohl weniger krass sein. Die Schwenninger Wild Wings sind nicht zu unterschätzen, allerdings mit Sicherheit nicht ansatzweise so attraktiv wie Hradec Králové und die Oulun Kärpät. Noch ein kurzer Blick ins Franken-Lazarett: Tom Gilbert wird zum DEL-Start (wahrscheinlich) wieder dabei sein. Alle weiteren Blessuren werden wohl noch länger dauern. 

 

Deinen nächsten Eishockey-Blog gibt es bereits nach dem Auswärtsspiel zum Frühstück am Samstag. 

Bis dahin: Wir brauchen Adrenalin!

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Kommentare: 2
  • #1

    Sepp Watt (Montag, 10 September 2018 06:14)

    Gut geschrieben Olli. Nur ein kleiner Einwand, der Stadionsprecher forderte sehr wohl die Leute zum Stehen auf bei eben den letzten gut 7 Minuten.
    Ein unvergesslicher, da auch völlig unerwarteter Abend.

  • #2

    Bjoern Geißler (Montag, 10 September 2018 09:56)

    Oli was soll ich dazu noch sagen? Am besten nichts außer ���