Grotesker Männerschweiß und finnische Blutschlacht

Foto: Birgit Eiblmaier
Foto: Birgit Eiblmaier

80.000 Meter von Praha: Der Radiosender Evropa 2 (Europa 2) dudelt "I'm gonna be" vor sich hin. Die Vegetation lässt wahrlich zu wünschen übrig. Ein grotesker Tumbleweed tumbled im mörderischen Tumbleweed-Tempo über die 11. tschechische Dálnice (Autobahn). Am Horizont tut sich ein wunderschöner Plattenbau hervor. Im überdimensionalen Kreisverkehr biegen wir dann in Richtung Hradec Králové ab. Die Bushaltestelle vor der ČPP Arena zeigte, das hier das Leben noch in Ordnung war. Ein Mann las ein Buch, während der Bus nicht kam. Zwei Kinder spielten miteinander, um sich die Wartezeit zu verschönern. Sie hätten doch genauso gut dem Erdball mitteilen können, dass der Bus nicht kommt. Das Smartphone blieb aus. Der Charme der Stadt und der Arena war nicht zu übersehen. Der drückende Geruch von heißem Männer-Schweiß drang brutal in alle Nasen ein, die sich der Arena näherten. Ja, hier wurde Eishockey gespielt. Mit einem Baugerüst in der Arena und kommunistisch still-vollen Tunneln, die zum Eis führten. Sogar Treppensteigen mussten die Franken, um zum Eis zu gelangen. Der gemeine Eishockey-Fan war erregt: Der EHC spielt tatsächlich international. 

Das hier ist dein Eishockey-Blog: der einzig wahre Blog für Nürnberger Eishockey-Fans.
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Die Zuschauerzahl war nicht schlecht. Vier Minuten vor Spielbeginn machte es allerdings den Eindruck, dass die IceTigers-Fans in Überzahl sind. Das änderte sich erst im Mittelabschnitt. In der ersten Pause wuchs die Zuschauerzahl beachtlich an. Das kann mit dem frühen Start (17:00 Uhr) zusammenhängen. In der tschechischen Extraliga aber ein bekanntes Problem, dass sich Zuschauerränge meist erst ab der 30. Minute füllen. Über einen späteren Start der Spiele denkt man dennoch nicht nach. 

Betrachtet man die Schussmappe beider Teams wird klar: Niklas Treutle muss schwindlig geworden sein. Immerhin feuerten die Stürmer und Verteidiger von Hradec Králové insgesamt mehr als 65 Schüsse aus den verschiedensten Winkeln und Positionen ab, während sein Gegenüber Jaroslav Pavelka nur 24 Versuche parieren musste. Gleich zu Beginn des Spiels wurde aber ein gravierender Unterschied deutlich: Die Verwertung von Chancen gelang diesmal tatsächlich den IceTigers. Das ist ungewohnt aber sexy

Sexy war auch das Abwehrverhalten. Kevin Gaudet hat aus dem Spiel gegen BK Mladá Boleslav sichtlich dazugelernt und verstanden, wie das tschechische Eishockey funktioniert: Ein Spieler überquert meist in Höchstgeschwindigkeit die blaue Linie, dann wird heftig rotiert. Verliert das Team beim Rotieren und Passen nicht den Puck (wie es Hradec Králové mehrmals passierte) kann das sehr gefährlich werden. Vor allem im dritten Drittel stand so plötzlich ein Stürmer völlig frei vor Treutle. Das konnte die Abwehr allerdings über zwei volle Drittel kontrollieren. Das war stark. 

Foto: Birgit Eiblmaier // Der Goalie Niklas Treutle war der Held des Spiels.
Foto: Birgit Eiblmaier // Der Goalie Niklas Treutle war der Held des Spiels.

Stark war auch Brandon Segal, der offenkundig die heimliche Rolle des Kapitäns übernimmt. Geht Nürnberg zum Warm-up, gibt Segal das Zeichen. Geht Nürnberg vom Eis, wartet Segal bis alle Spieler gegangen sind. Segal klatscht ab, Segal tätschelt Helme und klopft Schultern. Segal feiert Fans, Segal lacht ins Publikum. Segal schreit und Segal debattiert mit Schiedsrichtern. Brandon Segal macht genau das, was ein aktiver Kapitän machen muss. Die Nürnberger 26 ist der neue Führungsspieler

 

Patrick Reimer wirkt frischer, zieht sich diesbezüglich aber zurück. Springt er über seinen Schatten kann er das Top-Scorer-Trikot möglicherweise bald wieder anziehen. In Hradec Králové allerdings passte er mehrmals zu seinem Mitspieler, obwohl er in der deutlich besseren Position war. Wäre Reimer in der Situation von Eugen Alanov gewesen (der zum 2:0 einschob), hätte er vermutlich vergeben. Der Nürnberger Kapitän braucht einen Erfolgs-Moment. Das sollten wir ihm alle wünschen. 

Bevor es nach Finnland geht, muss eins gesagt werden: Die tschechischen Eishockey-Medien waren vollkommen begeistert. Vor allem die ansässigen Fans und Journalisten sagten, dass es noch nie einen so grandiosen Gäste-Block in Hradec Králové gegeben hat. Weder von der Lautstärke, noch von der Anzahl und Nettigkeit der Fans. Die Fans der IceTigers haben somit einen bombastischen Eindruck hinterlassen. So muss es sein. 

Foto: Birgit Eiblmaier | Atemberaubend: Der Gäste-Block in Hradec Králové.
Foto: Birgit Eiblmaier | Atemberaubend: Der Gäste-Block in Hradec Králové.

Angekommen in Finnland: Die mitgereisten Fans sind immer noch bombastisch. Der Nürnberger Torraum ebenso. Zumindest schien es so, als hätte Nürnberg kein Problem damit, den vermeintlich zweiten Torhüter ins Spiel zu bringen. Andy Jenike war grundlegend keine schlechte Entscheidung. Niklas Treutle hätte vermutlich genauso wenig verhindern können, dass Nürnberg zwei Mal zwei Tore innerhalb von zwanzig Sekunden kassierte. Das war eher das problematische Chaos im Torraum, dass sich immer wieder anbahnte und die Oberschenkel von Jenike zum Brennen brachte. 

Nach 30 Minuten brachten die Finnen 20 Torschüsse hin. Der Nürnberger Zähler stand bei vier Versuchen. Der Gegner war eben nun nicht mehr Hradec Králové, sondern Kärpät Oulu.  

Es muss leider sein: Die Schiedsrichter hatten das Spiel nicht unter Kontrolle. Das war nicht schön anzusehen. Wenn man schon die Königsklasse des Eishockeys leitet, müsste man erwarten, dass auch Eishockey spielen erlaubt ist. Chris Brown, Dane Fox und Philippe Dupuis mussten das Eis vorzeitig verlassen. Dem Nürnberger -Coach glitt langsam aber sicher die Farbe aus dem Gesicht. Übel nehmen kann man ihm das nicht. Obwohl er vier wichtige Spieler zu Hause lassen musste, drei Spieler während des Spiels verlor und Patrick Reimer ebenso in die Kabine ging (und sein Gegenspieler nur 2+2 Minuten kassierte) gab sich Nürnberg nicht geschlagen. Es war nur sehr schade, dass man die Freude aus den zwei Toren zum 4:2 nicht mitnehmen konnte, sondern gleich im Gegenzug wieder zwei Mal einstecken musste. Der Torraum war zu schlecht beschützt, die Finnen hatten es nicht besonders schwer. Andy Jenike wurde bitter im Stich gelassen. 

Natürlich müssen auch die positiven Ereignisse genannt werden: Dane Fox ist ein harter Hund; der neue Nürnberger Schlägertyp. Der fränkische "badboy". Leo Pföderl ist ein cooler Typ. Wer sonst hätte Jussi Rynäs ersten Gegentreffer in dieser Champions Hockey League Saison machen sollen? Brandon Buck und Will Acton sind abgezockt. Die Ruhe vor dem 2:4 war beeindruckend. Das muss beibehalten werden. 

Foto: Thomas Hahn | Harter Kampf, der nicht belohnt wird.
Foto: Thomas Hahn | Harter Kampf, der nicht belohnt wird.

Es ist kaum zu glauben, wie blutig und hitzig das zweite Gruppenspiel der Champions Hockey League war. Das Ergebnis ist Nebensache. Es interessiert nicht, wie viele Tore die Finnen gemacht haben. Es interessiert nicht, wie schlecht die Abwehrreihen teilweise waren. Das Team machte das Beste aus der Partie. Ins Schlussdrittel ging die Mannschaft von Kevin Gaudet mit nur dreizehn Spielern aufs Eis. Das ist Wahnsinn. Das ist vollkommen Irre. Deshalb kann man Nürnberg keinen Vorwurf machen. Wenn die IceTigers kommende Woche vor heimischen Publikum zur Revanche antreten und in voller Besetzung auflaufen, kann das nochmal richtig rund gehen. Bis es soweit ist braucht es viel Regeneration und Yoga (und bessere Schiedsrichter). 

Und bis dahin: Päätä!

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