Weniger Training, mehr Spiele!

Goalie Andy Jenike in Action. -  Foto: Birgit Eiblmaier
Goalie Andy Jenike in Action. - Foto: Birgit Eiblmaier

"In der neuen Saison stehen viele Spiele an. Neben dem normalen Liga-Betrieb warten europäische Gegner und das traditionsreichste Turnier des Eishockeys. Kann die enorme Anzahl an Spielen zum Problem werden?"

 

Marcus Weber und Tim Bender antworten exakt gleich. Wer mehr Spiele hat, muss weniger Trainieren. Mehr Spiele, weniger Training. Weniger Training, mehr Spiele. Das hört sich ganz einfach an und scheint dem Team keine Sorgen zu bereiten. Sorgen waren sowieso nicht zu sehen, als sich das neue Nürnberger Eishockey-Gesicht präsentierte. Ein Sommer voller Ereignisse ist hiermit beendet. Zumindest lässt sich das über den qualvollen Eishockey-Sommer sagen, wenn schon die Temperaturen nicht mitspielen. Diesmal ging es in den Sommermonaten noch nicht darum, welches Team den sportlichen Abstieg überlebt. Spannend war es aber auch ohne finanzielle Zitterpartien. Obwohl man nach dem harten Abschied von Rob Wilson dachte, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, packte Yasin Ehliz seine sieben Sachen und verabschiedete sich zu seinem vermeintlichen Lebenstraum. Doch schon zuvor mussten sich Fans von Lieblingen trennen, mit denen sie in dieser Saison fest rechneten. So steht der Bully-King nicht mehr im Nürnberger Aufgebot. Der ehemalige König von Schwenningen soll ihn ersetzen. 

Impressionen vom Training durch das Objektiv von Fotografin Birgit Eiblmaier.

Heute stundenlang die einzelne Performance der Akteure auf dem Eis auseinander zu nehmen, macht bei einem öffentlichen Training nicht besonders viel Sinn. Allerdings lässt sich der Vormittag schön in drei Schritten analysieren:

 

Verwerten von Chancen
Zielwasser
der mysteriöse dritte Buchstabe im Alphabet - C

 

Erstens: Die ausgewählten Übungen waren anders als bei Rob Wilson. Das ist auch nicht besonders überraschend, für den gemeinen Fan allerdings irreführend. Der neue Trainer ist mit Sicherheit kein rebellischer Sturm-Fan mit offenem Visier. Die "neuen" IceTigers werden sich wohl vermehrt auf die Defensive konzentrieren. Kevin Gaudet betonte nicht nur einmal, dass die Abwehr Meisterschaften gewinnt. An dieser Stelle sollte man einen Blick in die Vergangenheit wagen: Die Abwehr stimmte die letzten zwei Jahre zweifellos, der Sturm machte seine Tore konsequent nicht. Salopp gesagt: Da bringt auch die beste Abwehr nichts. Aber wir dürfen Ruhe bewahren. Addiert man alle Latten-Schüsse und Tore, die in der Fantasie schon fielen aber in der Realität ein Stück zu weit rechts abgeschickt wurden, hat das gesamte Team die vorrätige Anzahl von Fehlpässen für diese Saison bereits in diesem Training abgebaut. Wir können demnach zuversichtlich sein, dass die Chancen-Verwertung in der neuen Saison besser wird und Petr Pohl, Marcus Weber und Dane Fox nicht mehr mit verzerrtem Gesicht vom Tor wegfahren.

 

Zweitens: Die Spieler bewegten sich schneller. Die Pässe kamen an. Zumindest dann, wenn man von ein paar Ausnahmen absieht, denen es scheinbar doch ein bisschen zu früh war - und Brandon Buck, der noch nicht vollkommen sicher mit dem Nürnberger Eis vertraut war und die Standfestigkeit der Bande testete. Die Bande ist in Ordnung. Brandon Buck auch. Meine Nase auch. Die Übungen sahen sehr flüssig aus. Das Spiel der IceTigers könnte durchaus eine Nummer schneller werden. Schnell, hart, torgefährlich - das ist doch genau das, was Nürnberg braucht. 

 

Drittens: Der Kapitän fehlte (wegen erfreulichen familiären Gründen). Obwohl: Kapitän? Patrick Reimers Zukunft als Nürnberger Kapitän steht noch immer nicht fest. Möglicherweise ist es der richtige Schritt in diesem extremen Umbruch auch einen neuen Kapitän auszuwählen, wenn der bisherige Kapitän und Nürnberger Eishockey-Prominente Patrick Reimer lieber anderweitig Energie braucht. Als sehr qualifizierter Kandidat bietet sich beispielsweise Brandon Segal an, der während der Verletzungsphase von Patrick Reimer die Rolle des Kapitäns übernommen hatte. Fällt bei Reimer der Druck weg, kann er sich wieder auf das Tore schießen konzentrieren und befreit aufspielen. Macht er wieder 20 Tore pro Saison, ist das definitiv mehr wert, als der mysteriöse dritte Buchstabe im Alphabet. 

Neuzugang Eric Stephan beim Training - Foto: Thomas Hahn.
Neuzugang Eric Stephan beim Training - Foto: Thomas Hahn.

Die Neuzugänge machten ausnahmslos einen motivierten und positiven Eindruck. Wenn man nach dieser Trainingseinheit den „besten Neuling“ bestimmen müsste, käme man zu keinem Ergebnis. Natürlich fiel Brandon Bucks Aktivität und Chris Browns Schüchternheit auf, wenn beide hintereinander Andy Jenike und Niklas Treutle im Wechsel unter Beschuss nahmen. Allerdings kann man das nicht als Indiz dafür hernehmen, dass Brown nicht besonders viel Motivation mitbrachte. Buck scheint ohnehin einen positiv extrovertierten Charakter zu haben. Er scheint sich ebenfalls sicher zu sein, dass er in Nürnberg spielen möchte und keine Probleme bekommen wird, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Der ehemalige König von Schwenningen (Anmerkung: Will Acton). zeigte sich selbstsicher, Mike Mieszkowski charmant und humorvoll. Eric Stephan, Tim Bender und Jason Bast stachen spielerisch nicht besonders heraus. Gibt sich Bender während der Spiele auch nur ansatzweise so locker wie in Interviews und Gesprächen mit Fans, könnte er ein Abwehrspieler werden, der „einfach mal so“ von der blauen Linie abzieht und den Puck hinter den Rücken von Gegnern versenkt, die vermeintlich stärker sein müssten. Angstgegner hat Bender nicht.

 

 

Auch wenn die Zeit vieles zeigen wird, ist schon vor dem ersten Spiel eins klar: Der neue Kader besteht aus vielen verschiedenen Charakteren, die Kevin Gaudet puzzeln muss. Scheitert Gaudets Versuch eine spielerische Einheit zu bilden, entstehen Einzelkämpfer, die niemals alleine ein Spiel oder eine Serie entscheiden. Fügt Gaudet alle Bausteine passend zusammen, entsteht ein Team, dass mit absoluter Sicherheit zu den vier besten DEL-Teams zählen kann (nicht muss). Interessant zu beobachten wird ebenso, wie sich die Special-Teams präsentieren. Die Liste muss abgearbeitet werden. Die Liste ist lang. 

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Schwere Aufgabe: Kevin Gaudet hat viel Arbeit vor sich. - Foto: Birgit Eiblmaier

Genauso wie dieser Blog in diesem Jahr einen Neustart durchlebt und stückweise eingearbeitet wird, muss das der neue Nürnberger Trainer mit seinen Schützlingen auch tun. Einfach wird das für Kevin Gaudet definitiv nicht. Immerhin müsste er zumindest ins Halbfinale kommen, um nicht schlechter abzuschneiden, wie sein Vorgänger. Den Kopf in den Sand stecken erscheint mir allerdings vollkommen sinnlos. In drei Monaten werden wir spätestens sehen, wie die Saison aussehen könnte. Desto weniger die Fans erwarten, desto überraschter kann man im April im Finale stehen. Mit den wahnsinnig fordernden Spielen in der Champions Hockey League, beim Spengler Cup und in der Deutschen Eishockey Liga wird es nicht einfach werden. Womöglich sind alle Beteiligten auch einfach zu panisch. Die Lösung ist verlockend einfach. Wir müssen einfach...

...weniger trainieren und mehr spielen!

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Der Nürnberger Rundfunk-Journalist Oliver Winkler interviewt IceTigers-Neuzugang Tim Bender von den Schwenninger Wild Wings.
Das Interview mit Tim Bender gibt es gleich hier zum Nachhören. - Foto: Birgit Eiblmaier

Nicht verpassen: Genug über das Training gelesen? Kein Problem: Alle wichtigen Informationen, Erkenntnisse und Interviews mit einigen Spielern gibt es kostenlos zum reinhören oder im Tagesprogramm des Nürnberger Ausbildungssenders. 

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