(Un-)Reife Play-Off Erotik

Die Leuchtreklame des Bremerhavener Casino leuchtet einsam vor sich hin. Vereinzelte Laternen verstrahlen ein schwaches Licht auf den menschenleeren Theaterplatz. Im Hintergrund spielt Bryan Adams neuestes Album auf Spotify, die Ice Tigers haben vor zwei Stunden 4:2 verloren und damit erneut eindrucksvoll bewiesen, noch immer nicht reif für eine Serie zu sein. Dennoch werden sie eine Serie spielen müssen, allerdings nicht mehr in Bremerhaven. Die potentiellen Gegner sind nun die Straubing Tigers, sowie der ERC Ingolstadt. Ob das eine Rolle spielt? Sagen Sie es mir. Nach dem Auftritt in Bremerhaven ist es nur schwer vorstellbar, dass diese Mannschaft zwei Siege in kurzer Zeit gegen ein anderes Team holen kann. Möglich ist natürlich viel; die Play-Offs haben nicht umsonst eigene Gesetze. Nürnbergs Vorrundengegner zieht, mit den fränkischen Tigern, wohl dennoch das vermeintlich einfachste Los. Doch, davor gilt es viel aufzuarbeiten. 

Thomas Sabo Ice Tigers, Topscorer Leonhard Pföderl, Birgit Eiblmaier)
Nicht viel zu holen: Topscorer Leo Pföderl bleibt in Bremerhaven torlos! (Foto: Birgit Eiblmaier)

Der Zoo am Meer in Bremerhaven ist zweifellos schön. Mehr müssen Sie über Bremerhaven wahrlich nicht wissen. Falls Sie noch nicht in den Genuss der industriellen Hafenstadt kamen, in der ein hohes Gazprom-Ross seine Luxusyacht bauen lässt und alleine damit seit Jahren 300 Angestellte ernährt, haben Sie (fast) nichts verpasst. Bis auf hochmotivierte und aktive Seerobben, Seelöwen und Seebären (diverse Unterschiede fragen Sie bitte beim Biologen nach) und zwei träge Eisbären, die laut eigenen Angaben des Zoos achtzehn Mal täglich einen erotischen Akt starten, gibt es nicht viel zu sehen. In zwei Stunden Zoo am Meer kam es nicht mal zur erhofft amorösen Eisbären-Liebesgeschichte. Dennoch: Der Zoo ist ein Besuch wert. Das gilt auch für das deutsche Auswandererhaus, in dem uns eine blonde Bedienung darauf aufmerskam machte, dass es für Nürnberg in Bremerhaven keine Punkte zu holen gäbe. Dreiundvierzig "Moin" und ein freundliches "nur der REV" im gelbes-M-Restaurant später behielt sie recht. 

Fan sein ist nicht einfach. Fans geben viel Geld aus: für Dauerkarten, Souvenirs in diversen Fanshops und Auswärtsfahrten. Vor allem diese Auswärtsfahrten sind oft Strapazen für Geldbeutel und die Urlaubstage. Dennoch war die Eisarena Bremerhaven ausverkauft, was auch für den Gästebereich galt. Honoriert wurde das nach dem Spiel nicht. Bis auf wenige ehrenhafte Ausnahmen (natürlich Reimer, natürlich Treutle, Weber, Stephan, Dupuis und natürlich Segal) verschwanden die Tiger wortlos im Kabinengang. Jenike platzierte seinen Schläger mit viel Kraft und Überzeugung an der Wand. Falls Sie es genau wissen wollen: der Schläger flog. Falls Sie es noch genauer wissen möchten: Nein, der Schläger überlebte es nicht und zerbrach in ein paar Einzelteile (Augenzeugen berichten). Ja, Fan sein ist nicht einfach. Torwart in Nürnberg zu sein, ebenso wenig. Erlauben Sie einen kurzen Exkurs zum 4:2. 

Kein schlechter Anfang: Will Acton trifft im PowerPlay zum 0:1! (Foto: Birgit Eiblmaier)
Kein schlechter Anfang: Will Acton trifft im PowerPlay zum 0:1! (Foto: Birgit Eiblmaier)

Der Anfang war überhaupt nicht schlecht. Dem neuen Slowaken gefiel es in der Eisarena aber offenbar überhaupt nicht, weshalb er sich in den ersten Minuten Duschen schickte. Der Check war unsanft und unschön; die fünf Minuten plus Spieldauer deshalb durchaus gerechtfertig, auch wenn es (vielleicht) zwei plus zehn Minuten getan hätten. So oder so: Bremerhaven spielte viel zu schlecht, um in doppelter Überzahl und nachfolgendem einfachen Power Play überhaupt gefährlich zu werden. Das machte Acton besser, der einschoss und die Hände in die Luft hob. Nürnberg führte 0:1, zeigte sich relativ sicher und wollend. Damit hörte das Team im Mittelabschnitt komplett auf. Bremerhaven übernahm die Regie, traf zum 1:1 (nachdem Milan Jurcina nicht mehr wusste, wo er als Abwehrspieler zu stehen hat) und zum 1:2 (nachdem auch dieser Will Acton seinen Gegner mit seinem Teamkollegen verwechselte und Weber/Gilbert nicht auf den gewünschten Positionen standen). Nürnberg reagierte kaum bis gar nicht. Nachdem Shawn Lalonde, fast schon verboten lustlos, auf die Strafbank fuhr und die Fishtowner Pinguins zum 3:1 trafen, fasste sich auch Mike Flanagan etwas verägert an den Kopf. Tim Bender schoss danach das 3:2 Anschlusstor - niemand weiß wie, auch er war wohl überrascht als der Puck im Tor landete. Ein Acton und ein glücklicher Bender reichen aber nicht für die Punkte. Vor allem dann nicht, wenn die Abwehr nicht funktioniert und Andy Jenike mindestens fünf Tore verhinderte. Zwei Minuten vor Schluss war er dann machtlos. Nachdem sich Martin Jiranek (wie gewohnt) weigerte, seinen Torhüter aus dem Tor zu holen, fuhr der nordische Gegenpart einen feinen Konter und traf: 4:2, Ende, auf Wiedersehen. Nürnberg vergab die Chance darauf, einen wirklich schlechteren Gegner zu schlagen. Die Chanchenverwertung war zu schlecht, der "Will" (dt.: Wille, Auszug aus Martin Jiraneks Antworten auf 76% der Fragen nach Pressekonferenzen) aber war phasenweise da. 

Ratlosigkeit auf der Spielerbank: 2:4 und keine Punkte in Bremerhaven! (Foto: Birgit Eiblmaier)
Ratlosigkeit auf der Spielerbank: 2:4 und keine Punkte in Bremerhaven! (Foto: Birgit Eiblmaier)

Bevor wir uns dem Schlussfazit widmen, bedarf es noch an den drei Auffälligkeiten, für Sie von ONTHATASS präsentiert: 

  • Wie schon gesagt: Andy Jenike verhinderte in Bremerhaven mindestens fünf Tore. Es macht (noch immer) keinen Unterschied, wer im Tor steht. Jenike wird die IceTigers nach der Saison verlassen. Das hat er offen kommuniziert. Er möchte bis zum allerletzten Spiel alles geben und gewinnen. Das hat er in Bremerhaven zweifellos gezeigt. Leider gehörte er damit zum kleineren Kreis. 
  • Viele Spieler werden kommende Saison nicht mehr im Nürnberger Dress auflaufen. Dennoch soll es noch potentielle Kandidaten für eine weitere Saison geben. Shawn Lalonde machte in Bremerhaven keineswegs den Eindruck, weiterhin an einem zweiten Jahr interessiert zu sein. Lalonde machte zu viele Fehler, spielte keine sinnvollen Pässe und zeigte zu offen zu viel Lustlosigkeit. Das ist natürlich kein Vorwurf, wie Sie wissen, sondern nur eine Beobachtung. Beobachtungen können täuschen. Für die Vorrunde bleibt zu hoffen, dass dieses Spiel ein Einzelfall bleibt. 
  • An dieser Stelle sei nochmal gesagt: die Fans in Bremerhaven waren großartig. Das gehört honoriert - ganz unabhängig vom Ausgang des Spiels. Punkt. 
Andy Jenike bleibt vier Mal machtlos (Foto: Birgit Eiblmaier)
Andy Jenike bleibt vier Mal machtlos (Foto: Birgit Eiblmaier)

Nun hat Nürnberg also die Chance darauf, die Geschichtsbücher umzuschreiben. Mit 63 Punkten hat sich noch nie eine Mannschaft (bei 52 Spieltagen) für die Play-Offs qualifiziert. Mit einer sauberen Niederlage am Sonntag gegen Schwenningen wäre das dann der Fall. Aber, nochmal: Im Eishockey ist alles möglich. Wie heißt es so schön: Eine Stadt, ein Team, ein Ziel. Einen Durchmarsch, ein Wunder von Nürnberg: das wird es nicht geben. Dafür stimmt zu viel nicht. Dennoch lege ich mich fest: Wenn zumindest der Großteil der Spieler auf dem Eis wahres Interesse an erfolgreichen Play-Offs hat, scheidet man erst in Spiel sechs (Vorrunde: 1:2, Viertelfinale: 2:4) gegen die Adler Mannheim aus. Darauf ein Fischbrötchen, machen Sie es gut. 

Und bis dahin: Trainer, Trainer.

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Kommentare: 2
  • #1

    Felix (Samstag, 02 März 2019 08:39)

    Danke für den Eintrag. Kleines Veto zur Causa Lalonde: Das 0:1 ermöglicht er mit kurzer Verzögerung, gutem Auge und Tape-to-Tape Pass auf Acton. Jeder, auch der Torhüter der Pinguins, rechnete wohl mit dem Bumm. Insofern ein genialer Moment der Nummer 8. Ich würde ihn gerne noch ein Jahr in Nürnberg sehen. Viele Grüße!

  • #2

    Frank (Sonntag, 03 März 2019 13:34)

    Zu Lalondemuss gilt außerdem festzuhalten: Betratchtet man die Statistiken der Spieler, dann sticht Lalonde angenehm heraus:

    +/-: +9
    31 Punkte in 48 Spielen

    Damit hebt er sich angenehm von den meisten Spielern der NIT in dieser Saison ab. Zugegeben: Er hat unrühmliche 56 Strafminuten gesammelt, ist aber mit einer durchschnittlichen Eiszeit von 21:13 auch der Spieler, der die meisten Minuten schrubbt. Da finde ich bspw. Fox (+/-: -7; ø EZ: 13:33; PIM: 51 Min; 12 Pt. in 33 Spielen) enttäuschender – bedenkt man, was der in der Vorsaison gerissen hat.

    Von Zoos halte ich persönlich auch nicht so viel. (Wildtiere in Gefangenschaft zur Unterhaltung unserer gealngweilten Wohlstandskultur sind einfach nicht so mein Ding.)

    Sonst aber: schöner Beitrag. Unterhaltsam geschrieben. Ich lese Deinen Blog immer gern. ;-)

    Viele Grüße

    Frank